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16. Juni 2026

Zwischen Seide, Metro und Weltkulturerbe: Lernen in Usbekistan

F-MK-Studierende erleben Tourismusmanagement entlang der Seidenstraße

Usbekistan als Lernraum: Wie F-MK-Studierende Tourismusentwicklung entlang der Seidenstraße erforschen

Autor:
Sebastian Benad

Wenn der Lernraum nach Tee, Gewürzen und Seide duftet

Es ist kurz nach vier Uhr morgens, als die Gruppe in Samarkand landet. Hinter den Studierenden der Fakultät Management- und Kulturwissenschaften liegen die Zugfahrt von Görlitz zum BER, ein Zwischenstopp in Istanbul und ein Nachtflug nach Usbekistan. Vor ihnen liegt ein Land, das in den kommenden Tagen nicht nur Reiseziel sein wird, sondern Seminarraum, Forschungsfeld und Begegnungsort zugleich.

Noch bevor die eigentliche Exkursion beginnt, zeigt sich, was Tourismus in Usbekistan bedeuten kann. Am Flughafen wartet der Inhaber einer traditionsreichen usbekischen Reiseagentur auf die Delegation. Weil bis zur Weiterreise noch Zeit bleibt, lädt er die Gruppe kurzerhand zu sich nach Hause ein. Wenig später sitzen die Studierenden nicht in einer Wartehalle, sondern in einem Wohnzimmer. Es gibt Tee, Kaffee, Brot und lokale Spezialitäten. Aus einer logistischen Zwischenzeit wird eine erste Lektion über Gastfreundschaft.

Genau solche Momente machen die Exkursion besonders. Tourismus erscheint hier nicht als abstraktes Modell aus dem Lehrbuch. Er wird erfahrbar: in Gesprächen, Gerüchen, Wegen, Blicken, Geräuschen, Märkten, Metrostationen, Werkstätten und historischen Plätzen. Vom 22. bis 30. April 2026 reiste eine Delegation der Hochschule Zittau/Görlitz unter Leitung von Solvig Langschwager nach Usbekistan. Die Route führte über Samarkand, Taschkent und das Fergana-Tal nach Margilan, Kokand und Shahrisabz.

Für die Fakultät Management- und Kulturwissenschaften ist eine solche Reise mehr als ein internationaler Programmpunkt. Sie zeigt, wie Lehre dort wirksam wird, wo Managementwissen, Kulturverständnis, Kommunikation und Tourismus nicht getrennt voneinander betrachtet werden. Usbekistan wurde für die Studierenden zu einem Ort, an dem sich beobachten ließ, wie historische Handelsrouten, moderne Mobilität, digitale Services, lokale Wertschöpfung und internationale Kooperation ineinandergreifen.

Damit führt die Exkursion mitten hinein in jene Fragen, die die Fakultät in ihrer Entwicklung prägen: Wie verändern sich Organisationen, Märkte und Destinationen? Wie lässt sich kulturelles Erbe bewahren und zugleich touristisch zugänglich machen? Wie entstehen Lernräume, in denen Studierende nicht nur Wissen aufnehmen, sondern eigene Beobachtungen in fachliche Urteile übersetzen?

Fergana State University: Kooperation beginnt nicht im Vertrag, sondern im gemeinsamen Arbeiten

Der offizielle Teil der Reise beginnt an der Fergana State University. Der Campus ist grün, weitläufig und lebendig. Die Delegation wird herzlich empfangen, über das Gelände geführt und im International Office begrüßt. Doch der wichtigste Teil des Besuchs findet nicht in einem klassischen Hörsaal statt.

Die gemeinsame Lehrveranstaltung mit usbekischen Studierenden wird in ein „grünes Klassenzimmer“ verlegt. Zwischen Bäumen, Sitzgelegenheiten und Campusatmosphäre diskutieren deutsche und usbekische Studierende über touristische Themen. Sie vergleichen Reiseerfahrungen, sprechen über Infrastruktur, Gastfreundschaft, Kulturerbe und die Rolle digitaler Anwendungen im touristischen Alltag.

Hier entsteht Internationalisierung nicht als Schlagwort, sondern als konkrete Arbeitssituation: Studierende bringen unterschiedliche Perspektiven ein, erklären einander Beobachtungen und prüfen gemeinsam, ob vertraute Modelle des Tourismusmanagements auch in einem anderen kulturellen und wirtschaftlichen Umfeld tragen.

Auch institutionell setzt der Besuch ein wichtiges Signal. In Gesprächen mit Aziza Shokirovna Bazarbayeva, Prorektorin für internationale Zusammenarbeit, werden Perspektiven für die weitere Kooperation besprochen: studentische und personelle Mobilität, gemeinsame Lehrformate, Gastvorträge, Online-Seminare, Workshops und perspektivisch stärker strukturierte akademische Kooperationen.

Für die F-MK ist dieser Austausch strategisch relevant. Die Fakultät versteht Internationalisierung nicht allein als Bewegung von Menschen über Grenzen hinweg, sondern als Aufbau fachlicher, kultureller und persönlicher Kompetenzen. Wer im Fergana-Tal über Tourismus spricht, diskutiert nicht nur über Reiseangebote. Es geht zugleich um regionale Entwicklung, Beschäftigung, kulturelle Vermittlung, digitale Transformation und die Frage, wie Hochschulen gemeinsam Wissen für konkrete Räume nutzbar machen können.

Chorsu Bazaar: Ein Markt zeigt, wie kulturelle Identität schmeckt

In Taschkent wird der Chorsu Bazaar zu einem der eindrücklichsten Lernorte der Reise. Schon beim Betreten verändert sich die Wahrnehmung. Berge von Trockenfrüchten, Nüssen und Süßwaren liegen auf den Ständen. Handelnde bieten Kostproben an. Stimmen überlagern sich. Farben, Gerüche und Bewegungen erzeugen eine Atmosphäre, die sich schwer in klassische Kategorien des Destinationsmarketings pressen lässt.

Die Studierenden beschreiben den Basar als Ort, an dem traditionelle Süßwaren, Trockenfrüchte und regionale Spezialitäten Teil der usbekischen Alltagskultur werden. Die kulinarische Vielfalt macht kulturelle Identität sichtbar, frühere Handelsstrukturen der Seidenstraße bleiben im Basarleben erkennbar, und Gastfreundschaft zeigt sich im Anbieten und Probieren lokaler Produkte.

Touristisch interessant ist der Basar nicht, weil er künstlich für Gäste geschaffen wurde. Seine Stärke liegt gerade darin, dass er Alltagsraum bleibt. Er ist Handelsplatz, sozialer Treffpunkt, Genussort und kulturelle Bühne zugleich. Für Besuchende entsteht ein Erlebnis, das mehrere Sinne anspricht und zugleich niedrigschwellig zugänglich ist.

Für das Tourismusmanagement ist das eine konkrete Lektion: Eine Destination wird nicht nur über Sehenswürdigkeiten erzählt. Sie wird auch über Gerüche, Geschmäcker, Verkaufsgespräche, Warenpräsentationen und spontane Begegnungen erfahrbar. Der Chorsu Bazaar macht sichtbar, wie Tourismus von Räumen lernen kann, die nicht glatt kuratiert sind, sondern aus lebendiger Nutzung heraus wirken.

Für die Lehre an der F-MK ist dieser Ort deshalb so wertvoll, weil er Managementfragen mit Kultur und Kommunikation verbindet. Die Studierenden sehen, wie regionale Produkte zu Erlebnissen werden, wie Alltag touristisch lesbar wird und wie ökonomische Wertschöpfung im direkten Kontakt zwischen Handelnden und Besuchenden entsteht.

Unter der Stadt: Die Metro von Taschkent als Museum in Bewegung

Ein paar Stunden später verschiebt sich der Blick von der Oberfläche der Stadt unter die Erde. Die Metro von Taschkent ist Verkehrsmittel, aber sie wirkt an vielen Stationen zugleich wie ein unterirdisches Museum. Kronleuchter hängen über den Bahnsteigen. Mosaike ziehen sich entlang der Wände. Decken sind ornamental gestaltet. Jede Station erzählt ihre eigene Geschichte.

Die Studierenden beobachten unter anderem die Stationen Kosmonavlar, Paxtakor und Alisher Navoiy. Kosmonavlar erinnert an sowjetische Raumfahrtgeschichte. Paxtakor arbeitet mit floralen und geometrischen Mustern. Alisher Navoiy nimmt erzählerische Motive aus den Werken des Dichters auf. Wer hier U-Bahn fährt, bewegt sich nicht nur von A nach B. Man bewegt sich durch politische Geschichte, Kunst, Literatur und Stadtidentität.

Das Beispiel ist für die F-MK besonders anschlussfähig, weil es zeigt, wie sich MINT-nahe Infrastruktur, Gestaltung, kulturelle Codes und touristische Wahrnehmung gegenseitig durchdringen. Mobilität wird nicht nur technisch organisiert, sondern ästhetisch und narrativ aufgeladen. Aus Verkehrsplanung wird ein Erlebnisraum. Aus dem Weg zum Ziel wird ein Teil der Destination Experience.

Für die Studierenden entsteht daraus eine klare Erkenntnis: Die Customer Journey beginnt nicht erst am Denkmal, im Museum oder am Aussichtspunkt. Sie beginnt im Taxi, am Bahnhof, in der Metrostation, auf dem Weg durch die Stadt. Wer touristische Erlebnisse gestalten will, muss auch diese Übergänge verstehen.

Damit wird die Metro zu einem Beispiel für Transformation im Stadtraum. Bestehende Infrastruktur wird nicht nur genutzt, sondern kulturell aufgewertet. Für angehende Fachkräfte in Tourismus, Kommunikation und Management ist das ein konkreter Hinweis darauf, wie auch vermeintlich funktionale Räume Teil strategischer Destinationsentwicklung werden können.

Margilan: Wenn aus einem Faden regionale Wertschöpfung wird

In Margilan führt die Reise in die Yodgorlik-Seidenmanufaktur. Hier verändert sich das Tempo. Statt großer Plätze und weiter Stadträume stehen Werkstätten, Webstühle, Farbbäder und Hände im Mittelpunkt. Die Gruppe verfolgt den Weg der Seide: von den Kokons der Seidenraupen über natürliche Färbeprozesse bis zum komplexen Ikat-Webverfahren.

In den Werkstätten dampfen Farbbäder. Fäden hängen in Bündeln. An hölzernen Webstühlen arbeiten Beschäftigte mit Präzision und Geschwindigkeit. Granatapfel- und Walnussschalen werden zu Farbstoffen. Muster entstehen nicht zufällig, sondern durch Abbinden, Färben, Spannen, Weben und jahrelange Erfahrung.

Die Studierenden erkennen hier einen entscheidenden Unterschied: Der touristische Wert liegt nicht nur im fertigen Seidenschal. Er liegt im Prozess. Wer sieht, wie Seide entsteht, betrachtet das Produkt anders. Aus einem Souvenir wird ein Stück sichtbarer Kulturtechnik.

Für das Tourismusmanagement ist Margilan deshalb ein starkes Beispiel prozessorientierter Produktentwicklung. Nicht nur das Ergebnis wird gezeigt, sondern seine Entstehung. Das schafft Verständnis, erhöht Wertschätzung und macht lokale Arbeit sichtbar. Zugleich wird deutlich, wie Tourismus traditionelle Fertigkeiten stärken und Beschäftigung vor Ort unterstützen kann.

Hier berühren sich zentrale Themen der Fakultät: Kultur, Management und Transformation. Die Manufaktur zeigt, wie sich jahrhundertealte Handwerkstechniken in heutige touristische Angebote übersetzen lassen, ohne ihren Kern vollständig zu verlieren. Sie macht erfahrbar, dass Innovation nicht immer bedeutet, etwas Neues zu erfinden. Manchmal bedeutet sie, vorhandenes Wissen so zu vermitteln, dass es für neue Zielgruppen verständlich, zugänglich und wirtschaftlich tragfähig wird.

Registan: Staunen allein reicht nicht

Am Registan in Samarkand verdichtet sich vieles, was die Reise ausmacht. Der Platz ist monumental. Drei Medresen rahmen den Raum. Kuppeln, Portale, Mosaike und Kachelornamente ziehen den Blick nach oben. Am Tag wirkt der Registan wie ein architektonisches Lehrbuch der Seidenstraße. Am Abend verwandelt ihn Licht in eine Bühne.

Die Studierenden erleben den Platz während einer Führung und bei eigener Erkundung. Sie beobachten Reisegruppen, lokale Besuchende, Souvenirshops, Fotospots, Lichtshows und kleine Zusatzangebote. Besonders reflektiert wird der Aufstieg auf ein Minarett als informelles touristisches Angebot. Für Besuchende kann daraus ein exklusiver Moment entstehen. Gleichzeitig stellen sich Fragen nach Sicherheit, Regulierung und Verantwortung.

Genau an dieser Stelle wird der Registan zum Lehrbeispiel. Kulturerbe ist nicht nur schön. Es ist anspruchsvoll. Es muss erhalten, vermittelt, geschützt und zugleich zugänglich gemacht werden. Tourismus kann Sichtbarkeit und Einkommen schaffen, aber er kann Orte auch überfordern oder verändern.

Für die Studierenden wird sichtbar, dass Heritage Tourism immer Balancearbeit ist: zwischen Authentizität und Inszenierung, zwischen lokaler Wertschöpfung und Denkmalschutz, zwischen Erlebnis und Besucherlenkung. Der Registan bleibt dadurch nicht nur als beeindruckendes Bild im Kopf, sondern als komplexer touristischer Raum.

Gerade darin liegt der fachliche Mehrwert. Die Exkursion trainiert nicht nur Begeisterungsfähigkeit, sondern Urteilskraft. Sie fordert die Studierenden heraus, hinter das schöne Bild zu schauen: Wer profitiert von touristischer Nutzung? Wer steuert die Besucherströme? Welche Regeln schützen das Kulturerbe? Und wie lässt sich ein Ort so vermitteln, dass er nicht zur Kulisse reduziert wird?

Was bleibt: Aus Reiseeindrücken werden Kompetenzen

Die Exkursion nach Usbekistan endet nicht mit der Rückreise. An der HSZG werden die Beobachtungen der Studierenden weiter ausgewertet und in die Lehre übertragen. Chorsu Bazaar, Metro Taschkent, Seidenmanufaktur Margilan und Registan Samarkand werden zu didaktischen Ankern. An ihnen lassen sich zentrale Begriffe des Tourismusmanagements konkret erklären: Customer Journey, Erlebnisökonomie, Heritage Tourism, Service Design, Besucherlenkung, Destinationsentwicklung und internationale Kooperation.

Gerade darin liegt der besondere Wert der Reise. Die Studierenden haben touristische Angebote nicht nur erlebt. Sie haben beobachtet, verglichen, gefragt und reflektiert. Sie haben gesehen, wie Gastfreundschaft eine Ankunft verändert, wie ein Markt kulturelle Identität vermittelt, wie eine Metrostation Geschichte erzählen kann, wie ein Handwerksprozess zum Erlebnis wird und wie ein Weltkulturerbe zwischen Faszination und Verantwortung steht.

Das entspricht dem Selbstverständnis der Fakultät: Theorie und Praxis werden nicht nacheinander behandelt, sondern miteinander verschränkt. Fachwissen wird nicht nur vermittelt, sondern in konkreten Situationen angewendet. Interdisziplinarität bleibt nicht abstrakt, sondern zeigt sich dort, wo touristische Produkte, kulturelle Bedeutungen, digitale Anwendungen, Mobilitätsräume und Managemententscheidungen zusammenkommen.

Für Studierende entsteht dadurch ein Lernprozess, der über eine klassische Seminarveranstaltung hinausgeht. Sie erleben, wie sich akademisches Wissen unter realen Bedingungen bewährt. Sie lernen, Beobachtungen zu strukturieren, touristische Systeme zu lesen und eigene Schlussfolgerungen zu formulieren. Genau diese Fähigkeit ist zentral für eine Region und eine Arbeitswelt, in der Transformation nicht nur verwaltet, sondern aktiv gestaltet werden muss.

Aus einer Reise wird Partnerschaft

Die Zusammenarbeit mit der Fergana State University soll auch nach der Exkursion weiterentwickelt werden. Beide Seiten haben ihr Interesse bekräftigt, neue Formate zu prüfen. Dazu gehören studentische und personelle Mobilität, gemeinsame Lehrveranstaltungen, Gastvorträge, Online-Seminare, Workshops, Konferenzen sowie mögliche Forschungs- und Publikationsaktivitäten.

Für das Jahr 2026 sind die Planungen auf Seiten der HSZG bereits weitgehend abgeschlossen. Ein erneutes Summer-Session-Format erscheint daher kurzfristig nur eingeschränkt realisierbar. Gleichzeitig wird ein Folgeformat im Jahr 2027 als realistische Perspektive gesehen. Zudem werden Fördermöglichkeiten im Rahmen von Erasmus+ KA171 geprüft. Sollte eine Förderung bewilligt werden, könnte bereits 2026 ein kleineres akademisches Format in Deutschland denkbar sein, etwa in Form einer Autumn School.

So bleibt die Exkursion nicht nur als intensive Reiseerfahrung in Erinnerung. Sie ist ein weiterer Schritt in einer wachsenden Hochschulpartnerschaft. Für die Fakultät Management- und Kulturwissenschaften zeigt sie, wie internationale Lehre konkret aussehen kann: Studierende arbeiten an realen Beobachtungen, Partnerinstitutionen entwickeln gemeinsame Perspektiven, und aus einer Reise entlang der Seidenstraße entsteht ein Baustein für akademische Zusammenarbeit zwischen der Oberlausitz und Zentralasien.

fachliche Ansprechperson

Foto: Dipl.-Kffr. Solvig Langschwager
Dipl.-Kffr.
Solvig Langschwager
Fakultät Management- und Kulturwissenschaften
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